Die meisten Leute schreiben ihre Memoiren nicht deshalb,
weil sie sich gerne erinnern,
sondern weil sie sich gerne in Erinnerung bringen.
(aus: »Der Literat im Caféhaus«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Der Rubel rollt -
in den kapitalistischen Ländern.
(aus: »Der Literat im Caféhaus«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Dem Konsumterror beugen sich die Bürger
mit schweren Einkaufstaschen.
(aus: »Neue deutsche Aphorismen. Eine Anthologie«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Ein Lebenskünstler hat es nicht eilig,
ins Paradies zu kommen.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Sobald die Männer leichtsinnig werden,
werden die Frauen scharfsinnig.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Falschspieler
setzen auf die Ehrlichkeit ihrer Mitspieler.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Die Uhr läßt sich zurückdrehen,
aber die Zeit nicht.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Nicht immer läßt sich Kurzsichtigkeit
mit einer stärkeren Brille beheben.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Der Gelehrteste Theologe
ist Gott nicht näher als ein gläubiger Hirtenjunge.
(aus: »Der Literat im Caféhaus«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Die Höflichkeit des Kellners ist die einzige,
die sich sofort bezahlt macht.
(aus: »Der Literat im Caféhaus«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Die Feministin kämpft, ohne zu siegen;
die Verführerin siegt, ohne zu kämpfen.
(aus: »Der Literat im Caféhaus«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Im Reichtum verlieren wir
den Maßstab für die Werte des Lebens.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Das Duell konnte man abschaffen,
nicht aber die Rivalität unter den Männern.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Ein Buch sollte wie eine Zirkusvorstellung
und nicht wie eine Fronleichnamsprozession beginnen.
(aus: »Der Literat im Caféhaus«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Selbstportrait:
Der Weltfrieden war nur noch von kurzer Dauer, als ich geboren wurde: man schrieb den 19. August 1938. Dem Weltkrieg, das heißt den späteren Luftangriffen, war ich in meiner Geburtsstadt Wien ausgesetzt.
Nach dem Besuch der Volks- und Hauptschule wollte ich nur eines: den Umgang mit Werkzeugen und Maschinen. Mein Onkel, Maschinenbauingenieur, empfahl mir deshalb die Lehre als Werkzeugmacher. Nach wenigen Jahren Praxis schulte ich mich im Fernstudium zum technischen Zeichner um.
1964 weckte eine zufällige Begegnung mit einem Werbeberater ein verschüttetes Talent in mir: jenes für die Muttersprache. Wiederum im Fernstudium bildete ich mich aus zum Werbeassistenten, danach zum Werbetexter. Doch nur der Einstieg zum Verkaufskorrespondenten glückte mir: ich verkaufte auf schriftlichem Wege von Lehrkräften ausgearbeitete Fernlehrprogramme. Doch nach wenigen Jahren verlegte das Institut seinen Sitz in die Ferne und ich sattelte um auf Sachbearbeiter für Flugzeug-Wartungshandbücher.
Nebenher, im Herbst 1970, begann ich damit, Kurzprosa zu schreiben: ich verfiel auf die aphoristische Methode. Als faszinierendes "Lehrbuch" diente mir ein Buchgeschenk: "Die französischen Moralisten". La Rochefoucauld, Vauvenargues und Großmeister Chamfort beeindruckten mich tief und fesselten mich nachhaltig. Hinzu kam der scharfzüngige Pole Stanislaw Jerzy Leç mit seinen "Unfrisierten Gedanken".
In mühevollem, geduldigem Selbststudium erarbeitete ich mir peu à peu diese Kunst der knappen, zugespitzten Formulierung. Beruflich stieg ich ein weiteres Mal um und verdiente prächtig als Reisevertreter für Diktiergeräte. Mit dem angesammelten Kapital wagte ich das Risiko eines Selbstverlages: ich ließ auf eigene Rechnung mein Manuskript "Capriolen aus spitzer Feder" drucken, signierte eigenhändig jeden Band und verpackte ihn reizvoll. Banken und Versicherungen zählten bald zu meinen besten Abnehmern. Es handelte sich um einen Band von 96 Seiten mit über 200 Aphorismen, die ich während vierer Jahre in Klausur ausbrütete.
Der erstaunliche Erfolg im Jahre 1976 in München ließ mich zuversichtlich zum "linientreuen" Literaten werden. Um Mietkosten zu sparen übersiedelte ich zurück nach Wien und nahm Wohnung in einem Jugendstil-Altbau. Zudem wählte ich eine Kurzzeitbeschäftigung: ich wurde Zeremonienleiter bei der Bestattung Wien, ausgestattet mit einem Sondervertrag über 30 Wochenstunden. Mit feierlicher Würde gab ich 20 Jahre lang allen möglichen Würdenträgern das letzte Geleit: Priestern, Politikern, Schauspielern und als Krönung Österreichs letzter Kaiserin Zita.
Literarisch schuf ich in dieser Zeit folgende Bände: "Der Literat im Caféhaus" (1980), "Salonblüten" (1983), "Leidenschaften" (1988) und "Pique Dame" (1995). Drei Bände liegen bereits in zweiter Auflage vor und dienen mir nun zur kleinverlegerischen Tätigkeit im Ruhestand: die Wiener Geschäftsleute und deren Kunden amüsieren oder erbauen sich damit...
Der Kettenraucher ist der einzige Gefangene,
der sein Los genießt.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Die Erde - ein Planet,
der bald ausgedient haben wird
als Oase unter den Planeten.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Das Caféhaus ist die einzige Schule,
die aus einem Wiener Lokalpatrioten einen Weltbürger macht.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Der Flug zum Mond -
das größte Himmelfahrtskommando des 20. Jahrhunderts.
(aus: »Capriolen aus spitzer Feder«)
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Der Verzicht auf den technischen Fortschritt
wäre für uns ein größeres Unglück als es die Katastrophen sind,
die ihn begleiten.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Man glaubt an den Weltuntergang,
weil man die Architektur Gottes für so baufällig hält
wie jene des Menschen.
aus: »Capriolen aus spitzer Feder«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Atomkraftwerke kommen dem Bürger teuer zu stehen:
Die Errichtung bezahlt er mit seinem Geld,
den Betrieb mit seiner Gesundheit
und einen Unfall mit seinem Leben.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Ein schlechter Seiltänzer
zieht noch mehr Blicke auf sich
als ein guter.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Das Leben ist ein Spiel.
Man muß nur auf die richtigen Leute setzen.
aus: »Capriolen aus spitzer Feder«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Der Mensch prägt Geld.
Geld prägt den Menschen.
aus: »Capriolen aus spitzer Feder«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Die großen Philosophen
haben ihre Lebensweisheiten der Nachwelt überliefert,
und doch sieht es so aus,
als hätten sie sie mit ins Grab genommen.
aus: »Capriolen aus spitzer Feder«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Die Zivilisation hat die Lebenserwartung des Menschen verlängert,
aber die der Menschheit verkürzt.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
Das Roulette dreht sich langsam,
und doch entwickelt es einen Sog, in den es jeden zieht,
der sich ihm nähert.
aus: »Der Literat im Caféhaus«
© Germund Fitzthum
österreichischer Aphoristiker, * 1938
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